Dieses Kapitel schließt an das Kapitel über periodische Punkte an, aber die Klassifikation von vorwärts-invarianten Komponenten der Fatou-Menge ist hier ganz praktisch. Deshalb wird es nachgereicht. So überraschend es scheint: Mit Hilfe der kritischen Punkte einer Funktion kann man am ehesten Voraussagen über das tatsächliche Aussehen von Julia- und Fatou-Mengen machen. Der Grund liegt grob gesprochen darin, daß fast alle Arten von vorwärts-invarianten Komponenten der Fatou-Menge die Existenz von kritischen Punkten nach sich ziehen.
Nach der Riemann-Hurwitz-Formel (1.5.6) hat eine rationale Abbildung vom Grad d höchstens 2d-2 kritische Punkte.
Ein rational indifferenter Zykel kann also durchaus mehrere Becken haben. Ein irrational indifferenter Zykel braucht gar kein Becken zu haben, nämlich wenn er in der Julia-Menge liegt.
F0 sei das Becken eines anziehenden Fixpunktes. Da J(R) aus mindestens drei Punkten besteht, ist die universelle Überlagerung von F0 die Kreisscheibe ID. Wir können die Überlagerung so wählen, daß 0 auf den Fixpunkt abgebildet wird. R läßt sich liften zu einer Abbildung S:ID-->ID.
Hat R nun keinen kritischen Punkt, so auch S nicht. Mit der Vorgabe S-1(0)=0 können dann lokale Inverse von S entlang von Wegen mit Anfangspunkt 0 holomorph fortgesetzt werden. Da ID einfach zusammenhängend. ist, wird auf diese Weise eine globale Inverse S-1 definiert. S muß also ein Automorphismus von ID sein. Daraus folgt, daß nicht |S'(0)|<1 sein kann.
Der rational indifferente Fall verlangt mehr Arbeit. Auch hier wird ein R ohne kritische Punkte geliftet zu einem Automorphismus S, der diesmal aber parabolisch sein wird. Alle Automorphismen von ID sind aber Isometrien bzgl. der hyperbolischen Metrik. Nun muß man nochmal ganz tief in den Beweis des Blütenblättersatzen einsteigen, um zu zeigen, daß für z in F0 gilt: lim dhyp(Rn(z),Rn+1(z))=0.
Für irrational indifferente Punkte gilt eine solche Aussage sicher nicht, da wir bereits wissen, daß R als Rotation auf Siegel-Kreisscheiben oder Herman-Ringen operiert. Ohne Beweis gilt hier aber:
Anders ausgedrückt: Siegel-Kreisscheiben und Herman-Ringe enthalten zwar keine kritischen Punkte, sie werden aber von kritischen Punkten der Rn begrenzt.
In diesem Abschnitt folgen einige Korollare zu den beiden Sätzen aus dem letzten Kapitel.
R:F0-->F0 ist eine m-blättrige Überlagerung. Ist k die Anzahl der kritischen Punkte von R in F0, so gilt nach der Formel von Riemann-Hurwitz (1.5.7): e(F0)+k=m·e(F0). Nach Satz 7.1.3. ist k positiv, und deshalb gilt: (m-1)e(F0)=k>0. Also ist m>1 und e(F0)=1, d.h. F0 ist einfach zusammenhängend.
Also sind F1 und F2 anziehend oder parabolisch. In beiden Fällen konvergieren die Iterierten von R gegen einen Fixpunkt zi. Nach Satz 4.2.2. sind F1 und F2 außerdem einfach zusammenhängend. Da jeder Punkt in Fi genau d Urbilder in Fi hat, muß nach der Riemann-Hurwitz-Formel (1.5.7) R dann genau d-1 kritische Punkte in jedem der Fi haben. Da es aber insgesamt nur 2d-2 hat, liegen alle kritischen Punkte und alle ihre Vorwärts-Bilder in diesen beiden Komponenten und häufen sich nur bei den zi.
Hätte F(R) noch andere Komponenten, so hätte es nach dem (Satz über wandernde Gebiete (6.3.7)) auch periodische Komponenten verschieden von F1 und F2. Da wir aber nun wissen, wo die kritischen Punkte liegen, sehen wir mit Hilfe der Sätze aus dem letzten Abschnitt sofort, daß dies nicht möglich ist.
Im folgenden sei P ein Polynom vom Grad d>=2. Wir wissen schon, daß
jede beschränkte Komponente von F(P) einfach zusammenhängend ist, und daß die
unbeschränkte Komponente
von F(P) entweder einfach oder
unendlich zusammenhängend ist. (Satz
4.2.2.)
Ist
einfach zusammehängend, dann sagt die Riemann-Hurwitz-Formel (1.5.7), daß
P genau d-1 kritische Punkte (gezählt mit Multiplizität) in
hat. P kann also
außer
keinen weiteren kritischen Punkt in
haben. (Also: (a) ==>
(c).)
Andersherum sei D eine Kreisscheibe um
mit P(D)
D. Weiter sei
Dn:=P-1(D). Die Dn schöpfen
aus, und es ist
Pn(Dn)
D. Nach der Riemann-Hurwitz-Formel (1.5.7)
gilt:
e(Dn)+(dn-1) = dn·e(D) = dn.
Also: e(Dn)=1. Dn ist also einfach zusammenhängend,
und
damit auch.

Julia-Menge von z2-1 auf [-1,8;1,8]x[-1;1]
Als nächstes beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Symmetrien die Julia- Und Fatou-Menge von Polynomen haben.
Inversionen sind hier also ausgenommen. Da Unendlich nicht in der Julia-Menge liegt, und diese nicht leer ist, kann die Symmetriegruppe keine Verschiebungen enthalten. Also ist S(P) eine Gruppe von Rotationen um einen Punkt z0.
Besteht S(P) aus unendlich vielen Elementen, so kann man sich leicht
überlegen, daß die Bilder jedes Punktes unter S(P) dicht auf einem Kreis
liegen müssen. Da J(P) abgeschlossen ist, muß dann J(P) die Vereinigung
konzentrischer Kreise sein. Da aber J(P) der Rand einer einzigen Komponente
ist,
besteht J(P) in diesem Fall nur aus einem einzigen Kreis.
Nun sei also S(P) endlich. Wo liegt das gemeinsame Zentrum der Rotationen?
Z(P):=-ad-1/(dad)
das Zentroid von P.
(Wenn wir wissen wollen, wie die Symmetriegruppe ausieht, so bringen wir also zunächst via Konjugation das Zentroid in den Ursprung, und dann schauen wir uns an, welche Exponenten noch auftauchen. Vergleiche auch das Beispiel, das folgt.)
Der Beweis ist nichttrivial und erfolgt mit Hilfe von Greenschen Funktionen. Wir bemerken hier lediglich, daß, wenn w eine beliebige komplexe Zahl ist, das Zentroid der Schwerpunkt der Urbilder von w ist. Also: z1,...,zd seien die Urbilder. Dann ist P(z)=w+(z-z1)·...·(z-zd), und damit (z1+...+zd)/d=-ad-1/(dad).

Julia-Menge von
z4/(0,4z12+z8+0.635*z4+0,001) auf
[-1,8;1,8]x[-1,8;1,8].
Die Funktion ist zwar kein Polynom, aber da sie
nur von z4 abhängt, ist klar, daß ihr Symmetriegruppe aus
mindestens 4 Drehungen bestehen muß.
In diesem Abschnitt werde ich ohne Beweis noch ein Kriterium dafür angeben, wann eine Julia-Menge eine Cantor-Menge ist. Zunächst jedoch: Was bedeutet hier "Cantor-Menge"?
Der Beweis ist eigentlich gar nicht so schwierig. Aus dem bisher gesagten folgt relativ einfach, daß R nur einen Zykel haben kann, nämlich die Komponente mit dem Fixpunkt. Alle anderen Komponenten von F(R) werden irgendwann dorthinein abgebildet.
Nun nimmt man ein Kompaktum, das die Julia-Menge, aber weder den Fixpunkt, noch einen kritischen Punkt oder einen seiner Bilder enthält. Dann sieht man, daß dessen Urbild in d Komponenten zerfällt, deren Urbilder wiederum usw.. Die Julia-Menge ist der Schnitt all dieser Urbilder.

Julia-Menge von f(z)=z3+0,45 auf
[-1,5;1,5]x[-1,5;1,5]. Man rechnet leicht nach, daß für reelle x>=0 gilt:
f(z)>1,01z. Deshalb liegt die ganze positive reelle Achse, und
insbesondere der einzige endliche kritische Punkt z in
.

Julia-Menge von z2-2,2 auf [-2,5;2,5]x[-0,25;0,25]. Es handelt sich um eine rein reelle Cantor-Menge.