Bevor wir zu den beiden Hauptergebnissen dieses Kapitels kommen, müssen
wir uns erst mal noch weiter mit invarianten Mengen beschäftigen.
Es sei wieder g:X-->X eine Abbildung, und x in X. Wie sieht die
kleinste invariante Menge aus, die x enthält? Nun, offensichtlich muß sie
alle Bilder von x und alle deren Urbilder enthalten. Dies führt zu folgender
Definition:
- 3.1.1 Satz und Definition:
- g:X-->X sei eine Funktion. Durch
wird eine Äquivalenzrelation definiert. Die Äquivalenzklasse [x] von x
heißt Orbit von x.
- Beweis:
- Symmetrie und Reflexivität der Relation sind sofort klar. Bleibt nur
noch die Transitivität:
gn(x)=gm(y) und
gp(x)=gq(z)
==>
gn+p(x)=gm+q(z).
Aus der Beobachtung, daß die Vereinigung und der Schnitt von invarianten
Teilmengen abermals invariant ist, folgt, daß es eine kleinste invariante
Teilmenge gibt, die x enthält.
- 3.1.2 Proposition:
- Es sei g:X-->X surjektiv. Dann ist [x] die kleinste
invariante Teilmenge von X, die x enthält.
- Beweis:
- Die kleinste invariante Teilmenge <x>, die x enthält, enthält
sicher alle seine Bilder und alle deren Urbilder. Ist deshalb
gm(y)=gn(x) und damit y in
g-m(gn(x)), so ist auch y in <x>. Also ist [x]
eine Teilmenge von <x>.
Andererseits überlegt man sich leicht, daß [x] invariant unter g
ist. Wegen der Minimalitätseigenschaft von <x> ist dann auch <x>
Teilmenge von [x].
- 3.1.3 Lemma:
- Ist R eine rationale Abbildung von Grad >=2, und ist [x] endlich, dann
enthält [x] höchstens zwei Elemente.
- Beweis:
- Die Anzahl der Elemente von [x] sei k. Da R die Elemente von [x]
permutiert, gibt es ein n in IN mit
Rn|[x]=id[x]. Rn habe den Grad
d. Für w in [x] hat die Gleichung Rn(z)=w genau d Lösungen
(gezählt mit Mulitplizität). Alle diese Lösungen müssen w selber sein: w ist
eine d-fache w-Stelle von Rn. Nach der Riemann-Hurwitz-Formel (1.5.6)
angewandt auf Rn gilt dann: k(d-1)<=2d-2. Wegen d>=2 folgt
k<=2.
- 3.2.4 Definition:
- R sei eine rationale Funktion. Ein Punkt z heißt Ausnahmepunkt für R, falls sein Orbit [x] endlich
ist. Die Menge der Ausnahmepunkte bezeichnen wir mit E(R) ("E" für
"exzeptionell").
- 3.2.5 Satz:
- Eine rationale Abbildung R vom Grad >=2 hat höchsten zwei
Ausnahmepunkte. Und zwar gilt:
- (1)
- Ist E(R)={z}, so ist R konjugiert zu einem Polynom, und z
korrespondiert mit dem Punkt
.
- (2)
- Ist E(R)={z1,z2}, so ist R konjugiert zu einer
Abbildung z-->zd (d in Z), und z1 und z2
korrespondieren mit den Punkten 0 und
.
- Beweis:
- Nach einer geeigneten Konjugation können wir wegen Lemma 3.1.3. einen der vier folgenden Fälle für E(R)
annehmen:
- (a)
- Ist E(R) leer, so ist nichts zu zeigen.
- (b)
- E(R) besteht nur aus dem Punkt
, d.h. insbesondere
R-1(
)={
}, d.h. R
hat keine Pole in C und ist damit ein Polynom.
- (c)
- E(R) enthält (mindestens) zwei Punkte 0 und
, deren
Orbits nur aus einem Punkt bestehen. Dann ist R ebenfalls ein Polynom, und
zwar mit einer Nullstelle maximalen Grades bei 0. Deshalb hat es die Form
z-->zd (d>=1). Diese Abbildungen besitzen keine weiteren
Ausnahmepunkte.
- (d)
- E(R) enthält (mindestens) zwei Punkte 0 und
, die einen
gemeinsamen Orbit aus zwei Punkten haben. In diesem Fall ist R(0)=
und R(
)=0 und beide Stellen sind von
maximaler Multiplizität. Deshalb hat R die Form z-->zd
(d<=-1). Diese Funktionen besitzen keine weiteren Ausnahmepunkte.
Es folgt sofort:
- 3.2.6 Korollar:
- Ausnahmepunkte liegen in der Fatou-Menge.
- 3.3.7 Satz:
- R sei eine rationale Abbildung von Grad >=2. Dann ist J(R) eine
unendliche Menge.
- Beweis:
- Wäre J leer, so wäre {Rn} normal. Nach Satz 2.1.4. können wir eine gleichmäßig
konvergente Teilfolge auswählen. Diese würde gegen eine auf
meromorphe und damit rationale Funktion konvergieren. Das bedeutet, daß
fast alle Rn denselben Grad haben müßten, nämlich den der
Grenzfunktion. (Genauer?) Wegen deg(Rn)=n·deg(R) folgt, daß
R den Grad 1 hat. Ein Widerspruch.
J enthält also einen Punkt z, und damit auch seinen Orbit [z]. Wäre J
endlich, so wäre z ein Ausnahmepunkt. Aber Ausnahmepunkte liegen in der
Fatou-Menge (Korollar 3.2.6.). Also muß J
unendlich sein.
Bisher gab es nur einige Spielereien. Dies hier dagegen ist eine der ganz
zentralen Aussagen in der Theorie der Julia-Mengen, die uns den ganzen Rest
des Texten ständig begleiten wird.
- 3.4.8 Satz (Minimalität der
Julia-Menge)
- R sei eine rationale Abbildung vom Grad >=2, E sei eine
abgeschlossene, invariante Teilmenge von
. Dann
gilt eine der beiden folgenden Aussagen:
- (1)
- E hat höchstens zwei Elemente und es ist E
F(R).
- (2)
- E hat unendlich viele Elemente und es ist J(R)
E.
Anders ausgedrückt: J(R) ist die kleinste abgeschlossene, invariante
Menge, die mindestens 3 Punkte enthält.
- Beweis:
- Ist E endlich, so enthält es nur Ausnahmepunkte und die Behauptung folgt
aus Satz 3.2.5. und Korollar
3.2.6..
Nun habe E unendlich viele Elemente. Mit E ist auch sein Komplement K
invariant. Wählen wir drei Punkte a,b,c in E, so werden diese von den
Funktionen Rn auf K nicht als Funktionswerte angenommen. Nach dem
Satz von Montel (2.1.5)) ist
{Rn} normal auf K. Also ist K eine Teilmenge von F und damit J
eine Teilmenge von E.
- 3.4.9 Korollar:
- Es gilt entweder J=
, oder J° ist leer. (J hat kein Inneres.)
- Beweis:
- Da J invariant ist, sind es auch J° und
J. Ist F
nicht leer, dann ist F
J unendlich, invariant
und abgeschlossen. Es folgt J
F
J und damit J
J
Funktionen, deren Julia-Menge ganz
ist, gibt
es. Wir werden uns ganz kurz in Abschnitt 3.7 mit
ihnen beschäftigen.
- 3.4.10 Korollar:
- J ist eine perfekte Menge, d.h. sie ist unendlich, und jeder Punkt in J
ist Häufungspunkt von Punkten von J. (Es gibt also keine isolierten Punkte.)
- Beweis:
- J0 sei die Menge der Häufungspunkte. Da J unendlich viele
Punkte enthält, und
kompakt ist, ist J0
nicht leer. J0 ist nach Definition abgeschlossen. Da R stetig ist,
gilt R(J0)
J0. und damit
J0
R-1(J0). Wegen
der Gebietstreue von R ist auch R-1(J0)
J0. J0 ist also invariant.
Wegen Satz 3.4.8 ist damit J
J0. Damit sind die beiden Mengen gleich.
- 3.4.11 Korollar:
- Ist z kein Ausnahmepunkt, so ist J im Abschluß von [z] enthalten.
Ist z in J, so sind diese beiden Mengen sogar gleich.
- Beweis:
- Ist sehr einfach und wird dem Leser überlassen.
- 3.4.12 Bemerkung:
- Es ist nicht allzu schwierig, sogar noch mehr zu zeigen: Ist z kein
Ausnahmepunkt, so ist die Julia-Menge genau die Menge, gegen die sich der
Rückwärts-Orbit von z (d.h. die Menge aller Urbilder R-n(z))
häuft.
Dies macht man sich häufig in Programmen zunutze, indem man, um die
Julia-Menge zu finden, einfach rückwärts iteriert. Es gibt bei diesem
Verfahren jedoch Probleme: Oft gibt es Stellen in der Julia-Menge, in dessen
Nähe die Rückwärtsorbits äußerst spärlich sind.
- 3.4.13 Übung:
- Man zeige, daß die Julia-Menge von f(z)=z2-2 genau das reelle
Intervall [-2;2] ist. (Anleitung: Zunächst zeige man, daß [-2;2] invariant
unter f ist. Aus wievielen Komponenten besteht deshalb die Fatou-Menge? Man
schließe, daß die fn auf F kompakt gleichmäßig gegen
konvergieren. Was folgt daraus für Punkte im Intervall
[-2;2]?)
- 3.4.14 Übung:
- f sei ein Produkt von Automorphismen der Einheitskreisscheibe. Man zeige,
daß die Julia-Menge von f eine Teilmenge des Einheitskreises ist. Ist, falls
f ein Produkt von mindestens zwei Automorphismen ist, die Julia-Menge immer
der ganze Einheitskreis?
- 3.4.15 Übung:
- p sei ein Polynom mit nur reellen Nullstellen. Man zeige, daß die
Julia-Menge der Funktion f(z)=p'(z)/p(z), also der logarithmischen Ableitung
von p, reell ist.
- 3.5.16 Definition:
- f sei eine Abbildung einer Menge X in sich. x in X heißt periodischer Punkt von f, falls es ein n in IN gibt, so
daß x Fixpunkt von fn ist.
- 3.5.17 Satz:
- R sei eine rationale Funktion mit Grad >=2. Dann ist J(R) im Abschluß
der Menge der periodischen Punkte von R enthalten. Insbesondere hat jedes R
unendlich viele periodische Punkte.
- Beweis:
- Zu zeigen ist, daß jede offene Menge N, die J trifft, periodische Punkte
enthält. Wähle einen Punkt w0 in J
N, der kein
kritischer Punkt von R2 ist. Wegen deg(R)>=2 gibt es mindestens
4 verschiedene Punkte in R-2(w0), und darunter
mindestens 3 Punkte w1, w2, w3 verschieden
von w0 selber. Man nehme nun Umgebungen Ni von
wi mit disjunktem Abschluß, so daß N0
N, und so daß R2:Ni-->N0
für i>1 homöomorph ist. Si:N0-->Ni sei
das Inverse von R2 auf Ni
Gäbe es in N0 ein z mit Rn(z)=Sj(z) für
ein n und ein j in {1,2,3}, so wäre Rn+2(z)=z und z wäre
periodisch. Wir zeigen nun, daß, wenn dies nicht der Fall ist, die
Rn normal auf N0 sein müssen, was ein Widerspruch
wäre.
Wir nehmen also an, daß stets Rn(z)<>Sj(z)
gilt, und definieren zu jedem z in N0 die Möbiustransformation
gz mit gz(0)=S1(z),
gz(1)=S2(z) und gz(
)=S3(z). Da die Mengen N1,
N2, N3 positiven Abstand voneinander haben, erfüllen
alle diese gz nach Satz
1.3.2. eine gemeinsame Lipschitz-Bedingung. Die Funktionenfamilie
(Rn) ist also genau dann normal, wenn
(gz-1Rn) normal ist. Letztere
Funktionenfamilie nimmt aber nun die Werte 0, 1 und
nicht mehr an und ist nach dem (Satz von
Montel (2.1.5)) normal.
- 3.6.18 Satz:
- Die Julia- und Fatou-Mengen von kommutierenden rationalen Abbildungen mit
Graden >=2 sind identisch.
- Beweis:
- R und S seien die beiden Abbildungen mit
RS=SR. M sei eine Lipschitz-Konstante von S bzgl. der sphärischen Metrik:
ds(S(z), S(w))<=M·ds(z,w).
Nun sei w in F(R). Nach Definition von F(R) gibt es zu
>0 ein
>0 mit
diam(Rn(B(w,
)))<
/M, wobei
B(w,
) der
-Ball
(bzgl. ds) um w ist.
Da R und S kommutieren, folgt:
Also ist die Familie (Rn) normal auf S(B(w,
)). Insbesondere ist S(w) in F(R). S und damit jedes
Sm bilden also F(R) in sich ab. Wegen dem Satz von Montel (2.1.5) ist (Sn)
deshalb normal auf F(R). Es folgt: F(R)
F(S).
Ebenso folgert man F(S)
F(R).
- 3.6.19 Übung:
- Man zeige, daß die Abbildungen z-->2z und z-->z/2 kommutieren, aber
unterschiedliche Julia-Mengen haben.
- 3.6.20 Übung:
- Man zeige, daß die Abbildungen P(z)=z(1+z2) und Q(z)=-P(z)
dieselbe Julia-Menge haben, aber nicht konjugiert sind.

Julia-Menge von z(1+z2) auf
[-1,5;1,5]x[-1,5;1,5]
Die ersten Beispiele von Funktionen mit leerer Fatou-Menge wurden 1918 mit
Hilfe von Funktionalgleichungen von elliptischen Funktionen gefunden. Ich
bringe hier nur ein Ergebnis, welches man in der Praxis gut verwenden kann,
allerdings ohne Beweis.
- 3.7.21 Definition:
- Ein kritischer Punkt einer rationalen Funktion R heißt
präperiodisch, falls eines seiner Bilder unter
Rn periodisch ist, er selber aber nicht.
- 3.7.22 Satz:
- Ist jeder kritische Punkt einer rationalen Abbildung präperiodisch, dann
gilt J=
.
Die Umkehrung gilt allerdings nicht.
- 3.7.23 Beispiel:
- Die Funktion f(z)=1-2/z2 hat einen kritischen Punkt
. Der Vorwärts-Orbit ist
-->1-->-1-->-1. Damit ist
präperiodisch, und J=
.