- 2.1.1 Definition:
- (X,d) und (X1,d1) seien metrische Räume. Eine
Familie f von Abbildungen von X nach X1 heißt normal in einem Punkt x0, falls gilt:
F heißt "normal" auf X0
X, falls F
normal in allen Punkten x0 in X0 ist.
Normalität ist auch als gleichgradige Stetigkeit
bekannt. Es ist eine lokale Eigenschaft. Ist eine Familie von Funktionen
normal auf mehreren Mengen, so ist sie auch normal auf der Vereinigung
normal. Ist eine endliche Anzahl von Familien normal in einem Punkt, so ist
auch ihre Vereinigung normal in diesem. Aus diesen Beobachtungen folgt
sofort:
- 2.1.2 Satz:
- Ist F eine Familie von Abbildungen
(X,d)-->(X1,d1), so gibt es eine maximal offene
Teilmenge von X, auf der F normal ist.
- 2.1.3 Übung:
- Finde ein Beispiel für eine Familie F von Funktionen, so daß die Menge der
Punkte, bei denen F normal ist, nicht offen ist. (Verleiche auch Übung 2.1.6..)
Normalität ist ein wichtiges Kriterium dafür, daß man aus einer Folge von
Funktionen eine konvergente Teilfolge auswählen kann. Der entsprechende Satz
nennt sich "Satz von Arzela-Ascoli". Wir verwenden hier eine etwas
abgeschwächte Version:
- 2.1.4 Satz:
- Es sei D

und F eine Familie von Funktionen D-->
, die auf D normal ist. Dann gibt es
in jeder Folge von Funktionen aus F eine kompakt gleichmäßig konvergente
Teilfolge. Sind die Funktionen insbesondere holomorph (meromorph), so ist die
Grenzfunktion ebenfalls holomorph (meromorph), oder konstant Unendlich.
Aber wann ist eine Familie von meromorphen Funktionen normal? Paul Montel
hat hierauf eine überraschende Antwort gefunden: Wenn es drei Funktionswerte
gibt, die von den Funktionen nicht angenommen werden, so ist die Familie
schon normal:
- 2.1.5 Satz (von Montel):
- Es sei D

und
A=
-{a,b,c} mit drei verschiedenen Punkten a,b,c in
. Dann ist die Familie aller holomorphen Funktionen
f:D-->A in D normal.
- 2.1.6 Übung:
- F sei eine Familie holomorpher Funktionen. Zeige, daß die Menge aller
Punkte, an denen F normal ist, offen ist.
- 2.2.7 Definition:
- R:
-->
sei eine
nicht-konstante meromorphe Funktion. Die Fatou-Menge von R ist die maximal offene Teilmenge von
, auf der die Familie der Iterierten Rn von R
normal ist. Die Julia-Menge ist das Komplement der
Fatou-Menge.
Im Folgenden bezeichnen wir diese beiden Mengen mit F(R) und J(R). Die
Fatou-Menge wird manchmal auch Stabilitäts-Menge
oder Normalitäts-Menge genannt. Wenn klar ist, von
welcher Funktion R die Rede ist, schreiben wir auch einfach F und J.
Nach Definition ist die Fatou-Menge offen und die Julia-Menge
abgeschlossen. Auf analoge Weise könnten wir natürlich auch die Fatou- und
die Julia-Menge ganz allgemein für Funktionen von einem metrischen Raum in
sich definieren. Wichtigstes Beispiel wären ganze Funktionen f:C-->C, die
bei
eine wesentliche Singularität
haben.
Wir fangen mit folgender einfacher, aber sehr wichtiger Beobachtung
an:
- 2.2.8 Proposition:
- R sei eine nicht-konstante meromorphe Funktion. Dann gilt für jedes p in
IN (p>0):
F(Rp)=F(R) und J(Rp)=J(R).
- Beweis:
- F(R)
F(Rp) ist unmittelbar klar.
Für die Umkehrrichtung muß man sich überlegen, daß jede auf
meromorphe Funktion eine Lipschitz-Bedingung bzgl. der
Metrik ds erfüllt: Es gibt also ein M>1 mit
ds(R(x),R(y))<=M ds(x,y)
und damit
ds(Rk(x),Rk(y))<=
Mkds(x,y).
In jedem Punkt von F(Rp) ist deshalb für festes k auch die
Familie {RkRnp} (n in IN) normal. Die Familie
{Rn} ist eine endliche Vereinigung solcher und damit ebenfalls in
diesem Punkt normal.
- 2.2.9 Übung:
- Zeige, daß die Julia-Menge von z-->zd (d>=2) der
Einheitskreis ist.

Die einfachste Julia-Menge: Der
Einheitskreis. (f(z)=z2)
- 2.2.10 Übung:
- z sei ein Fixpunkt von R, d.h. R(z)=z. Zeige, daß z in der Fatou-Menge
liegt, wenn er ein anziehender Fixpunkt (|R'(z)|<1) ist, und daß er in der
Julia-Menge liegt, falls es ein abstoßender Fixpunkt (|R'(z)|>1) ist.
(Fixpunkte werden noch erschöpfend in einem eigenen Abschnitt über
Fixpunkte und periodische Punkte behandelt werden.)
- 2.2.11 Übung:
- R und S seien zwei konjugierte rationale Abbildungen: S=gRg-1
mit einer Möbius-Transformation g. Zeige: g(F(R))=F(S) und g(J(R))=J(S).
Diese Tatsache kann gut dazu genutzt werden, Julia-Mengen zu drehen oder
zu spiegeln, von einer Kreisescheibe auf die obere Halbebene zu verschieben,
etc.. Dies zeigen auch die beiden folgenden Bilder.

Julia-Mengen der Funktionen z3+z+0,05 und der
mit z-->iz konjugierten Funktion -z3+z+0,05i.
Dargestellt
je auf [-1,5;1,5]x[-1,5;1,5].
- 2.3.12 Definition:
- g sei eine Abbildung einer Menge X in sich. Eine Teilmenge E
X heißt
- (a)
- vorwärts invariant unter g, falls g(E)=E.
- (b)
- rückwärts invariant unter g, falls
g-1(E)=E.
- (c)
- invariant unter g, falls
g(E)=E=g-1(E).
- 2.3.13 Übung:
- Man zeige: Ist g surjektiv auf X und E unter g rückwärts invariant, so
ist es schon invariant. Ist g injektiv auf X und E unter g vorwärts
invariant, so ist es schon invariant.
Für unsere rationalen Funktionen auf
(vom Grad
>=1) stimmen also Rückwärts-Invarianz und Invarianz überein, denn sie sind
surjektiv.
- 2.3.14 Lemma:
- g sei eine stetige, offene Abbildung eines topologischen Raumes X in
sich. E
X sei invariant unter g. Dann sind
auch das Komplement X-E, das Innere E°, der Rand
E und der Abschluß
invariant.
Für meromorphe Funktionen gilt die Gebietstreue: Es sind offene
Abbildungen.
Außerdem werden wir später häufiger noch folgenden Satz benötigen:
- 2.3.15 Proposition:
- g sei eine stetige Funktion eines topologischen Raums X in sich. g sei
surjektiv, und X bestehe aus endlich vielen Zusammenhangskomponenten
Xi. Dann gibt es ein m in IN, so daß jedes Xi invariant
unter gm ist.
- Beweis:
- Da g Komponenten in Komponenten abbildet, induziert es eine Abbildung h
von {1,...,k} in sich. Mit g ist auch h surjektiv. Damit ist h sogar
bijektiv, d.h. eine Permutation. h hat also endliche Ordnung:
gm(Xi)
Xi. Nach dem
vorigen Lemma sind die Xi damit invariant.
- 2.4.16 Satz (Invarianz der Julia- und
Fatou-Menge):
- R sei eine rationale Abbildung. Dann sind die Fatou-Menge F(R) und die
Julia-Menge J(R) invariant unter R.
- Beweis:
- Da R surjektiv ist, und wegen Lemma 2.3.14. und Übung 2.3.13, muß man nur zeigen, daß die Fatou-Menge
rückwärts invariant ist. Dies folgt aber unmittelbar aus der Definition der
Fatou-Menge und der Lipschitz-Stetigkeit von R.
Dagegen werden die einzelnen Komponenten der Julia- oder der Fatou-Menge
im Allgemeinen weder vorwärts noch rückwärts invariant sein, da sie durch die
Abbildung ausgetauscht werden. Immerhin kann man aber folgendes sagen:
- 2.4.17 Korollar:
- Die Komponenten der Fatou-Menge (der Julia-Menge) werden genau
aufeinander abgebildet. d.h. sind F1, F2
F(R) zwei solche Komponenten, so gilt:
R(F1)
F2
==> R(F1)=F2.
(Analog für die Julia-Menge.)
- Beweis:
- Würde R(F1)<>F2 gelten, so gäbe es ein z in
F1 mit R(z) in
F2. Dies kann aber nicht sein, da dann z in J(R) wäre, aber J(R)
nach Satz 2.4.16. invariant unter R ist.
- 2.4.18 Korollar:
- Ist P ein Polynom vom Grad >=2, dann ist
in F(P),
und die Komponente
von F(P), die
enthält, ist invariant unter P.
- Beweis:
ist ein anziehender Fixpunkt. Deshalb
ist er in der Fatou-Menge und P(
)=
.
Nun sei z in P-1(
). z liege in einer
Komponente F1 von F(P), und P bildet F1 in
ab, da Komponenten auf Komponenten abgebildet werden
müssen. Dies würde aber bedeuten, daß es ein w in F1 mit P(w)=
gibt. Da P ein Polynom war, kann dies nicht sein, außer wenn
F1=