In diesem Abschnitt werden einige grundlegende Dinge erwähnt, die man kennen muß, um den folgenden Text zu verstehen. Grob gesagt braucht man als Rüstzeug ungefähr den Stoff, der in der ersten Hälfte einer Funktionentheorie-Vorlesung gebracht wird, plus einige weitere Sätze aus der Funktionentheorie.
Die einzige unübliche Notation, die man sich in diesem Text merken muß, ist folgende: Für eine Funktion f bezeichnet fn keine Potenz von f, sondern die iterierte Funktion:
f1(z):=f(z) und fn(z):=f(fn-1(z)).
Analog ist f-n die iterierte inverse Funktion, falls diese existiert.
Wir werden in diesem Text fast ausschließlich meromorphe Funktionen betrachten, d.h. Funktionen, die holomorph (komplex differenzierbar) sind, aber Pole besitzen dürfen.
Für diese Zwecke ist es praktisch, zur Menge der komplexen Zahlen C einen
Punkt "
"
hinzuzunehmen. Hierdurch wird aus der komplexen Ebene eine Kugel, wobei
dem Nordpol
entspricht, 0 dem Südpol, und der Einheitskreis dem Äquator. Dieses Objekt
bezeichnet man üblicherweise als Riemannsche Zahlensphäre
. Aus dem Pol einer
Funktion wird nun einfach eine Stelle mit dem Funktionswert
und die Funktion ist ganz
normal stetig an ihm.
Da die Funktion z-->1/z Nordpol und Süpol vertauscht, können wir
definieren, was es bedeutet, daß eine Funktion im Punkt
holomorph (meromorph) ist. Wir betrachten nämlich hierzu einfach f(1/z).
Der Betrag der komplexen Zahlen ist nun keine Metrik mehr, die die
Topologie von
adäquat wiedergibt. Wir brauchen
deshalb eine neue Metrik. Wir nehmen diejenige einer Kugel mit Radius 1 im
IR3. Diese ist gegeben durch das Linienelement
Den hierdurch gegebenen Abstand bezeichnen wir auch als ds ("s" für "sphärisch").
Die Funktion z-->1/z beispielsweise wird hiermit zu einer Isometrie, nämlich der Drehung um 180° um die Achse durch die Punkte 1 und -1.
Obwohl es in diesem Text (fast) ausschließlich um die sphärische Metrik
geht, wird man sie nur selten im Text sehen. Dies liegt daran, daß wir meist
nur daran interessiert sind, ob bestimmte Abstände in der sphärischen Metrik
klein bleiben, oder gegen Unendlich gehen, während uns die genauen Werte
nicht interessieren. In jedem Kompaktum läßt sich aber die sphärische Metrik
durch einen Faktor nach oben und nach unten durch die euklidische Metrik
abschätzen. Deshalb reicht es, für beschränkte Punktfolgen die euklidische
Metrik zu betrachten. Folgen, die gegen
gehen, sind
in der sphärischen Metrik ebenfalls konvergent. Folgen, die unbeschränkt
sind, aber unendlich viele Folgenglieder in einem Kompaktum in C haben, sind
dagegen weder in der euklidischen noch in der sphärischen Metrik
konvergent.
Man kann sich nun fragen, wie die auf ganz C meromorphen Funktionen aussehen. Die Antwort ist recht einfach:
Als "Grad einer rationalen Funktion" bezeichnen wir im folgenden den höchsten vorkommenden Exponenten in der gekürzten Darstellung der Funktion (d.h. das Nenner- und das Zähler-Polynom haben keine gemeinsamen Nullstellen.)
Die Funktionen, die die Riemannsche Zahlensphäre bijektiv und komplex differenzierbar auf sich selber abbilden, heißen Möbius-Transformationen. Alle Möbius-Transformationen haben die Form
Eine Möbiustransformation ist durch drei Bildpunkte eindeutig
festgelegt. Oft definiert man eine Möbiustransformation durch die Bildpunkte
der Punkte 0, 1,
.
Jede Möbiustransformation für sich erfüllt natürlich eine
Lipschitz-Bedingung auf
, einfach, weil die Ableitung stetig
auf einer kompakten Menge ist. Der folgende Satz sagt grob gesprochen, daß
diese Lipschitz-Konstante nur dann wächst, wenn die Bildpunkte von zweien der
drei Punkte zu nahe aneinander geraten:
ds(g(0), g(1))>=m ,
ds(g(1), g(
))>=m
und
ds(g(
), g(0))>=m
folgende Lipschitz-Bedingung:
ds(g(z), g(w)) <= (Pi/m3)ds(z,w).
Die rechte Seite ist also unabhängig von g.
Der Beweis besteht aus mehr oder weniger mühsamen Rechnen und wird hier nicht gezeigt.
S=gRg-1
Am meisten interessiert uns der Fall, wenn X=Y=
ist. Die
g sind in diesem Fall Möbiustransformationen. Das "holomorph" in "holomorph
konjugiert" werde ich stets weglassen, da es in diesem Skript nur um
holomorphe Abbildungen geht.
Konjugierte Abbildungen haben sehr ähnliche Eigenschaften. Wir brauchen später folgende Tatsache:
Ist f eine holomorphe Abbildung, so heißt z kritischer
Punkt von f, falls f'(z)=0, d.h. falls f bei z eine mehrfache
f(z)-Stelle hat. Die Ordnung dieser Stelle bezeichnen wir auch mit
vf(z). An den meisten Stellen ist also vf(z)=1, aber an
kritischen Punkten ist vf(z)>1. Für rationale Funktionen kann
man vf auch im Punkt
definieren. Ein Funktionswert eines
kritischen Punktes heißt kritischer Wert.
Da für rationale Funktionen f' nur endlich viele Nullstellen haben kann, gibt es nur endlich viele kritische Punkte.
Die Summe ist in Wirklichkeit endlich.
Wir werden hier sogar noch eine etwas allgemeinere Formel brauchen:
Für geschlossene Flächen (d.h. ohne Rand) ist die Euler-Charakteristik nichts anderes als 2-2g, wobei g das Geschlecht der Fläche ist. Wichtig für uns ist auch noch der Fall der Einheitskreisscheibe. In diesem Fall ist die Euler-Charakteristik 1.