Üblicherweise wird die Erfindung der Fibonacci-Zahlen dem italienischen Mathematiker Leonarda von Pisa, der besser unter dem Namen Fibonacci, der Kurzform von filius Bonacci, bekannt ist, zugeschrieben. In der zweiten Version seines Rechenbuchs "Liber Abacci" (Buch vom Abacus) - die erste Version ist nicht überliefert - taucht folgende Aufgabe auf:
Jemand setzt ein Paar Kaninchen in einen Garten, der auf allen Seiten von einer Mauer umgeben ist, um herauszufinden, wieviele Kaninchen innerhalb eines Jahre geboren werden. Wenn angenommen wird, daß jeden Monat jedes Paar ein weiteres Paar erzeugt, und daß Kaninchen zwei Monate nach ihrer Geburt geschlechtsreif sind, wie viele Paare Kaninchen werden dann jedes Jahr geboren?
Ist Fn die Anzahl der Paare nach n Monaten, so sieht man sofort, daß
Fn+1=Fn+Fn-1 und F0=1.
Wir dagegen definieren:
F0=0, F1=1 und Fn+1=Fn+Fn-1
definierten Zahlen Fn (n in IN) heißen "Fibonacci-Zahlen".
Die ersten Fibonacci-Zahlen sind also
0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144, 233, 377.
Es gibt natürlich viele Verallgemeinerungen der Fibonacci-Zahlen. Viele der folgenden Sätze kann man z.B. für allgemein linear rekursiv definierte Zahlenfolgen formulieren. Besonders wichtige Verallgemeinerungen oder Abwandlungen sind die Folgenden. Ich selber werde aber in diesem Skript fast ausschließlich Formeln und Sätze behandeln, in denen nur die reinen (normalen) Fibonacci-Zahlen vorkommen, und keine Abwandlungen.
Die durch L0:=2, L1:=1 und Ln+1:=Ln+Ln-1 definierten Zahlen heißen "Lucas-Zahlen". Zwischen den Fibonacci-Zahlen und den Lucas-Zahlen gibt es viele Zusammenhänge, wie z.B. L2n+2·(-1)n-1=5Fn2. Oft kann man Summen von Fibonacci-Zahlen elegant mit Lucas-Zahlen ausdrücken.
Die durch F0:=0, F1:=1, F2:=2 (und F3:=4) und Fn+1=Fn+Fn-1+Fn-2(+Fn-3) definierte Folge heißt "Tribonacci-Folge" bzw. "Quadranacci-Folge". (Allgemein sind die Anfangswerte Fi=2i-1.)
In der Rekursionsformel Fn+1=Fn+Fn-1 kann man das "+`" auch als Operationssymbol einer abelschen Gruppe auffassen. Im Abschnitt 2.2 werden wir untersuchen, was passiert, wenn man die Fibonacci-Folge in den endlichen zyklischen Gruppen Z/nZ betrachtet.
Die Bedingung, daß die Gruppe kommutativ ist, kann auch noch weggelassen werden: Ist G eine beliebige Gruppe (oder sogar nur eine Halbgruppe), und a,b in G, so kann man Fibonacci-artige Folgen Fn(1) und Fn(2) definieren durch
F0(i):=a, F1(i):=b, und Fn+1(1):=Fn(1)Fn-1(1) bzw. Fn+1(2):=Fn-1(2)Fn(2)
In diesem Kapitel werde ich die einfachsten Formeln mit Fibonacci-Zahlen angeben. Insbesondere finden sich darunter Formeln für die Summen von Fibonacci-Zahlen. Fast alle Formeln in diesem Abschnitt können ganz einfach durch vollständige Induktion bewiesen werden. Ich werde sämtliche Beweise weglassen.
Fn-1Fn+1-Fn2=(-1)n
Für die Frage, warum ich diese Formel Determinantenidentität genannt habe s. die Bemerkungen nach der Formel von Binet (1.3.9.).
Fn+m = Fn-1Fm +Fn Fm+1 = Fn Fm-1+Fn+1Fm .
Insbesondere gilt:
F2n=Fn+12-Fn-12, F2n+1=Fn2+Fn+12 und F3n=Fn+13+Fn3-Fn-13.
Natürlich gibt es noch eine riesigen Haufen anderer Formeln. Besonders schön finde ich die folgenden:
Fn-2Fn-1 Fn+1Fn+2 = Fn4-1 und Fn+13-Fn-13 = F3n-Fn3.
Es gibt viele Möglichkeiten, das zu beweisen. Eine z.B. durch
vollständige Induktion, wobei man benutzen muß, daß für
gilt:
usw..
Eine weitere Möglichkeit ist, daß man die Formel 1.5.20 nimmt, und für die rechte Seite eine Partialbruchzerlegung durchführt, und diese dann in geometrische Reihen entwickelt.
Eine dritte Möglichkeit werden wir gleich besprechen.
Und zwar beobachten wir, daß gilt:
Die Frage ist also, wie wir
explizit ausrechnen können. Dazu suchen wir die beiden Eigenwerte. Diese sind
und
.
Als nächstes stellen wir
als Linearkombination von Eigenvektoren dar. Dadurch
bekommen wir letztendlich wieder genau die Formel von Binet.
Die Methode läßt sich leicht auch verallgemeinern für Folgen, die durch eine lineare Rekursionsformel der Form
definiert sind.
Obige Formel kann man auch so schreiben:
Aus der Formel det(AB)=det(A)·det(B) folgt sofort die Determinantenidentität 1.2.3..
Hat man eine allgemeine lineare Rekursionsformel der Art
, so macht man den Ansatz
ai=xi. Die Rekursionsformel ergibt dann für x die
Gleichung
xk-ck-1xk-1-...-c1x-c0.
Sind x1 und x2 zwei Lösungen, so erfüllen alle Ausdrücke der Form l1x1+l2x2 ebenfalls die Rekursionsformel. Die Frage ist nun, ob man eine Linearkombination der Lösungen x0,...,xk-1 finden kann, die die Anfangswerte a0,...,ak-1 ergibt:
Gibt es l0,...,lk-1 mit ai=l0x0i+...+ lk-1xk-1i ?
Dies ist ein lineares Gleichungssystem in li wobei die Matrixeinträge xij sind. Sind die xi paarweise verschieden, so ist es lösbar (Vandermondersche Determinante).
Im Falle der Fibonacci-Zahlen ist das charakteristische Polynom
x2-x-1 und
x1,2=
.
Die Formel von Binet erlaubt uns, Summen wie F3+F6+F9+... als endliche geometrische Reihen aufzufassen und auszurechnen. Beispiele sind:
Die Formel von Binet gibt uns genau an, wie schnell die Fibonacci-Zahlen wachsen:
Ganz ähnlich ist die n. Tribonacci-Zahl (s. 1.1.2. (2)) diejenige natürliche Zahl, die am nächsten bei
liegt ([Spickerman]).
Die Formel von Binet
erlaubt es einem ohne Probleme, Fibonacci-Zahlen mit reellem Index (n in IR) zu definieren. Ebenso kann man FA definieren, wobei A eine (reelle oder komplexe) quadratische Matrix ist. Hierbei soll für x in IR (C) gelten:
wobei ln(x) der Hauptwert des Logarithmus sein soll. Es gelten dann viele Formeln ähnlich zu denen, die wir schon hatten. Bezeichnet I die Einheitsmatrix, so gilt z.B.
FA+I=FA-FA-I, FA+IFA-I-FA2=(-1)A
Es gelten dann solche Sätze wie:
Ist A eine diagonalisierbare quadratische (reelle oder komplexe) Matrix, so gilt:
Alle Eigenwerte kommen aus {0,1,5} <=> FA=A.
Gegeben sei eine Matrix A. Wir setzen
f0:=A, f1:=A, f2:=Ff_1, f3:=Ff_2, ...
Unter welchen Vorraussetzungen konvergiert die Folge (fi) (i in IN)?
Literatur ist [Brugia].
Die Summe läuft also über alle k, für die
ist.
Setzt man
und
,
so bekommt man nach der Formel von Binet (1.3.9.):
Mit etwas mehr Mühe kann man aus der Formel von Binet eine ganze Menge ähnlicher Formeln herausholen. Einige Beispiele:
Auf völlig anderem Weg, nämlich durch Betrachtung der "Diagonalfunktionen dritter Ordnung von Pell-Polynomen" erhält man dagegen folgende Formeln:
Mit derselben Methode wurde übrigens auch die Formel 1.6.25. bewiesen.
Zunächst einmal ist wegen Fn<=2Fn-1: Fn<=2n. Die Reihe hat also einen positiven Konvergenzradius. Wir dürfen sie manipulieren:
Daraus folgt die Behauptung.
Daß die Reihe für
konvergiert, sieht man durch Berechnung der Nullstelle von
1-x-x2, oder einfach mit der Formeln von Binet
(1.3.9.).

ist genau Fn+1/Fn.
Insbesondere sieht man, daß der Grenzwert des Kettenbruchs genau
ist. (Vergl. Formel von Binet (1.3.9.).)
Formeln, in denen nicht die Fibonacci-Zahlen, sondern ihre Inversen auftauchen, sind deutlich seltener. Nur selten sind sie so einfach zu beweisen, wie die folgende kleine Kuriosität:
und
Mit Hilfe der Deteminanten-Identität 1.2.3. rechnet man sofort nach, daß Fn-1(Fn+Fn+1)-FnFn+1= (-1)n. Der Rest folgt dann aus der Additionsformel für die inversen Winkelfunktionen, wie z.B.
Die Umkehrung gilt (fast) auch: Sind für eine Folge die obigen zwei Formeln erfüllt, und noch ein paar andere Vorraussetzungen erfüllt, so ist die Folge durch eine einfache lineare Rekursionsformel entstanden (s. [Imada]).
(Man beachte, daß artanh(1/F2) noch nicht definiert ist.)
Nichttrivial dagegen ist:
Die Dezimalbruchentwicklung von 1/F11 fängt also genau mit den Fibonacci-Zahlen an. Das ist kein Zufall, denn wegen der Formel 1.5.20. ist
Man kann sich fragen, ob es noch andere Lösungen der diophantischen Gleichung
(also mit m,n in IN) gibt. In [Weger] wird gezeigt, daß die einzigen Lösungen, abgesehen von der obigen (n=11, m=10) die folgenden sind:
Dies zu zeigen, ist allerdings nicht besonders einfach.